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Kultur und Bildung sind ein Begriffspaar. Nur wenn eine Wertschätzung für Bildung in der Gesellschaft besteht, wird es auch ein vitales öffentliches Interesse geben an der Stärkung der Kunst.

Es geht bei diesem Thema nicht nur um die sogenannten Landeskinder, es geht um die Menschen, die in Deutschland leben und arbeiten, sich für Deutschland entschieden haben und sich kulturell positionieren. Deutschland ist nicht nur ein Zuwanderungsland von qualifizierten Fachkräften für die Industrie. 20 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln leben in Deutschland: Gastarbeiter und deren Kinder, Spätaussiedler, Kriegsflüchtlinge, Asylanten, freiwillige und unfreiwillige Migranten.

Es gibt darunter längst Musiker, Schriftsteller, Filmemacher und Bildende Künstler nichtdeutscher Herkunft, die sich ganz selbstverständlich als Teil der deutschen Kultur verstehen. Die große Attraktivität, die Deutschland so anziehend macht, ist seine Offenheit, seine Gestaltungsmöglichkeiten. Es ist das Land, in dem die meisten internationalen Künstler leben und arbeiten. Die künstlerische Freiheit ist ein hohes Gut, ebenso die persönliche Freiheit. Sie sind das entscheidende Ferment.

Beispielhaft will ich hier noch auf die Schriftsteller eingehen. Schon seit 1985 wird der Chamisso-Preis vergeben für Autoren, die einen Sprach- und Kulturwechsel vollzogen haben. Zu Beginn stand noch sehr der eigene biografische Bezug im Fokus, Anfang der neunziger Jahre – mit der Sichtbarkeit der Literatur – kam der Begriff „Migrantenliteratur“ auf. Heute geht diese Literatur immer mehr in Deutschland auf. Die Autoren selbst wollen sich weder ausgrenzen noch einen Sonderstatus haben. Einzig die literarische Qualität soll zählen. Ann Cotton, Sasa Stanisic, Terézia Mora oder Feridun Zaimoglu sind wichtige prominente Stimmen der deutschsprachigen Literatur, die die deutsche Sprache bereichern mit neuen Bildern, Metaphern und Themen.

Diese Beispiele zeigen, dass sich Kultur in einem spezifischen Umfeld und Kontext entwickelt. Es muss heute darum gehen, für unsere Kultur keine falsche Ausschließlichkeit zu postulieren, nicht Reservate zu schützen, sondern Entwicklungen aufzunehmen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Das geht aber nur dann, wenn die eigene Kultur erkannt, gewollt und gestaltet wird. Wie soll man sich erkennen oder erkannt werden, wenn man kein Profil hat, wenn das kulturelle Gedächtnis nicht existiert oder tabuisiert wird, wenn kein kulturelles Selbstverständnis vertreten wird. Gerade der Druck der Globalisierung verschärft das Bedürfnis nach kultureller Selbstvergewisserung. Dazu gehört auch eine Kultur der Teilhabe für die Migranten, die sich zu Deutschland bekennen und unsere Grundwerte leben.
Wir müssen auf dem Gebrauch des Wortes bestehen, uns im Dialog zusammen finden und kulturelle Bildung für unser Nach- und Vordenken nutzen………….

Klaus-Dieter Lehmann auf der 21. Jahrestagung der Deutschen Nationalstiftung