In der Euro-Krise galt Griechenland als gescheiterter Staat. Das Coronavirus meistert die Regierung nun vorbildlich. Das hat auch mit dem obersten Virologen zutun.

Jeden Tag um 18.00 Uhr unterbrechen die Fernsehsender in Griechenland ihr Programm. Es ist die Stunde des Sotiris Tsiodras. Graues, etwas struppiges Haar, eine altmodische Brille, schmale Lippen, grauer Anzug, eine unauffällige Krawatte – ein Fernsehstar sieht anders aus. Dennoch sitzen zwei von drei Griechen vor dem Bildschirm, wenn der Virologe und Corona-Sonderbeauftragte der griechischen Regierung allabendlich die neuesten Daten zur Ausbreitung des Virus bekannt gibt

Es sind ermutigende Zahlen, die der 55-jährige Professor zurzeit verkünden kann. Gab es noch im März an manchen Tagen mehr als 100 neue festgestellte Corona-Infektionen, verläuft die Kurve der gemeldeten Ansteckungen inzwischen zunehmend flacher. Binnen einer Woche fiel

die Zahl der neuen Fälle kontinuierlich von 33 am vorigen auf elf an diesem Sonntag. Auch die Zahl der Todesfälle steigt langsamer. 115 waren es am Montag. Und während noch vor zwei Wochen 92 Corona-Patienten auf den Intensivstationen lagen, sind es aktuell nur noch 67.

Ausgerechnet das chronische Krisenland Griechenland verzeichnet erstaunliche Erfolge im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Die französische Denkfabrik The Bridge analysierte jetzt die Corona-Strategie von zehn europäischen Ländern. Griechenland schnitt mit Abstand am besten ab, „dank frühzeitiger und strikter Beschränkungen“.

Der bekannte israelische Historiker und Philosoph Yuval Noah Harari, Autor des Bestsellers Eine kurze Geschichte der Menschheit, lobte in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CBS: „Griechenland hat bei der Eindämmung dieser Epidemie einen fantastischen Job gemacht. Wenn ich wählen müsste, wer die Welt politisch führen sollte, Griechenland oder die USA, würde ich Griechenland wählen.“ Der italienische Kolumnist Ferdinando Giugliano schreibt, die Sars-CoV-19-Pandemie habe weltweit politisches Versagen aufgedeckt. Die Regierungen hätten die Schritte zum Schutz ihrer Bevölkerung zu lange hinausgezögert. „Griechenland ist eine erwähnenswerte und vielleicht überraschende Ausnahme“, sagt Giugliano. Dank der schnellen Reaktion der Regierung habe das Land eine Krise des Gesundheitswesens, mit der viele reichere Länder konfrontiert sind, vermieden.

Notfallpläne waren lange vor der Epidemie fertig

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mit elf Covid-19-Toten pro einer Million Einwohner liegt Griechenland weltweit auf dem 58. und in der Europäischen Union auf dem 21. Platz. In Deutschland ist die Zahl der Todesopfer in Relation zur Bevölkerung fünfmal so groß, in Italien und Spanien sogar rund 30-mal höher. Bei den festgestellten Infektionen befand sich Griechenland noch vor drei Wochen auf Platz 66, jetzt liegt es auf Rang 85.

Das ist nicht zuletzt Sotiris Tsiodras zu verdanken. Als Chef der Corona-Expertenkommission des griechischen Gesundheitsministeriums hat er die Strategie zur Eindämmung der Seuche maßgeblich mitentwickelt. Der in Harvard und am MIT ausgebildete Mediziner genießt international Ansehen als Experte für Infektionskrankheiten. Premierminister Kyriakos Mitsotakis musste nicht lange überlegen, als er den 55-Jährigen Ende 2019 zu seinem Sonderberater für die Corona-Epidemie berief.

Schon Wochen, bevor das Virus Griechenland erreichte, waren die Notfallpläne fertig. Umso schneller konnte die Regierung handeln, als am 26. Februar im nordgriechischen Thessaloniki der erste Infektionsfall gemeldet wurde – eine 38-jährige Geschäftsfrau hatte das Virus von einer Reise aus Mailand mitgebracht. Sofort ließ Mitsotakis die für das folgende Wochenende geplanten Karnevalsumzüge verbieten – eine denkbar unpopuläre Entscheidung, die aber den Griechen signalisierte: Es wird ernst!

Dann ging es Schlag auf Schlag: Am 10. März ließ die Regierung alle Kindergärten und Schulen schließen. Sofort nach dem ersten Corona-Todesfall am 12. März schloss die Regierung Kinos, Museen, Nachtclubs, Restaurants, Cafés, Fitnessstudios und Strände. Eine Woche später mussten auch die Einzelhandelsgeschäfte und Kirchen zumachen. Am 23. März folgten strikte Ausgangs- und Reisebeschränkungen sowie die weitgehende Einstellung des Flugverkehrs mit dem Ausland. Konsequent wurden alle neuen Infektionsfälle zurückverfolgt und Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt.

Die Regierung hatte gute Gründe, schnell zu reagieren: Die Pandemie traf Griechenland zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Nach acht Krisenjahren, in denen das Land mehr als ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verlor, ist das staatliche Gesundheitswesen in einem desolaten Zustand. Überall fehlt es an Personal. Mehr als 20.000 Ärzte sind während der Krise ausgewandert. In den Hospitälern gibt es oft nicht einmal das nötigste Material. Als die erste Infektion gemeldet wurde, verfügten die staatlichen Kliniken gerade mal über 565 Intensivbetten.

700.000 Arbeitsplätze im Tourismus sind gefährdet

In Rekordzeit heuerte das Gesundheitsministerium 4.200 zusätzliche Ärzte an und baute die Kapazitäten der Intensivstationen auf 910 Betten aus. Damit ist Griechenland mit 8,5 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner zwar immer noch unterversorgt – in Spanien beträgt die Quote 9,5 und in Italien 12,5; Deutschland hat sogar 34 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner. Aber dank des vorausschauenden Krisenmanagements der Regierung werden derzeit weniger als zehn Prozent der Intensivbetten für Covid-19-Patienten benötigt.

Ausgerechnet Griechenland, das noch während der Euro-Krise als gescheiterter Staat galt, leistet nun Vorbildliches im Kampf gegen das Coronavirus. „Wir sind nicht mehr das schwarze Schaf, und das ist wichtig für unser kollektives Selbstbewusstsein“, sagte Premier Mitsotakis jetzt in einem Interview der Zeitung Kathimerini. Tatsächlich ist überraschend, wie diszipliniert die meisten Griechen die Einschränkungen befolgen – keine Selbstverständlichkeit in einem Land, wo Verbote gewöhnlich wenig bewirken und die persönliche Freiheit das Maß aller Dinge zu sein scheint. „Wir sind reifer geworden“, erklärt Mitsotakis. „Wir bauen wieder etwas auf, das nicht nur in der Schuldenkrise fehlte, sondern in der ganzen jüngeren Geschichte unseres Landes gelitten hat: Vertrauen – Vertrauen in die Institutionen und den Staat.“

Seit Mitsotakis im vergangenen Juli das Amt des Premiers antrat, folgt eine Ausnahmesituation auf die nächste: Erst die Flüchtlingskrise, jetzt Corona. Mitsotakis, ausgebildet an den Eliteuniversitäten in Harvard und Stanford, arbeitete als Investmentbanker bei Chase und als Analyst beim Beratungsunternehmen McKinsey, bevor er 2004 in die Politik ging. Er bringt gutes Rüstzeug mit. Dennoch gesteht Mitsotakis: „Ich habe viel dazugelernt in den vergangenen Wochen: Wie schnell man Entscheidungen fällen muss, auch wenn man nicht immer alle Informationen hat; dass man den Fachleuten vertrauen sollte, letztlich aber in eigener Verantwortung entscheidet; und dass man immer auf der Hut sein muss, denn oft entwickeln sich Situationen mit einer Geschwindigkeit, die wir uns nicht vorstellen können.“

Das politische Gefüge stabilisiert sich

Die Griechen geben ihrer Regierung gute Noten für das Krisenmanagement. Fast acht von zehn Befragten, so eine Umfrage von Mitte April, finden die Maßnahmen richtig. Nur knapp zehn Prozent halten sie für übertrieben. 63 Prozent sehen in Mitsotakis den geeigneteren Regierungschef. Nur noch 19 Prozent trauen dem linken Oppositionsführer Alexis Tsipras diese Rolle zu. Auch die konservative Regierungspartei Nea Dimokratia profitiert vom erfolgreichen Corona-Management: Bei der Sonntagsfrage kommen die Konservativen auf einen Stimmenanteil von 45 Prozent. Damit vergrößern sie gegenüber der Wahl vom Juli 2019 ihren Vorsprung gegenüber Tsipras‘ Linksbündnis Syriza von damals acht auf jetzt 23 Prozentpunkte. Fazit: Anders als in der Schuldenkrise, die zu Verwerfungen führte, stabilisiert sich in der Corona-Epidemie das politische Gefüge in Griechenland.

Ob dieser Effekt von Dauer ist, bleibt aber abzuwarten. Denn die wirtschaftlichen Folgen der Krise sind verheerend, die Kosten immens. Für die Stützung der Wirtschaft und das Kurzarbeitergeld wird die Regierung bis Ende Mai mindestens 14 Milliarden Euro ausgeben, mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dauern die Schließungen auch im Juni an, erhöht sich die Rechnung auf mindestens 17 Milliarden. Noch gar nicht abzuschätzen, sind die Verluste für Griechenlands Tourismus, die wichtigste Säule der Wirtschaft. Zwei von drei Hoteliers fürchten, dass sie Insolvenz anmelden müssen. 700.000 Arbeitsplätze in der Fremdenverkehrswirtschaft stehen auf dem Spiel. Die eigentlichen Herausforderungen dürften dem Krisenmanager Mitsotakis also erst noch bevorstehen.

Und trotz aller Erfolge sind die Gefahren der Corona-Epidemie noch keineswegs gebannt. Der Virologe Sotiris Tsiodras mahnt, für eine Entwarnung sei es noch zu früh: „Wenn wir jetzt einen einzigen Fehler machen, setzen wir alles bisher Erreichte aufs Spiel.“ Wie berechtigt die Warnung ist, zeigte sich am Montag: Auf der Halbinsel Peloponnes musste ein mit 470 Migranten belegtes Hotel unter Quarantäne gestellt werden, nachdem eine dort untergebrachte Frau aus Somalia positiv auf das Coronavirus getestet wurde.

Von Gerd Höhler, Athen